Archäologie an der Stromkabeltrasse

Seit gut einem Jahr verlegt der Netzbetreiber Tennet ein Stromkabel für den Offshore-Windpark HELWIN 1 bei Helgoland quer durch Dithmarschen. Die Trasse verläuft von Stinteck bei Büsum vorbei an den Orten Wöhrden, Meldorf, Barlt, St. Michaelisdonn und Eddelak zum Kernkraftwerk Brunsbüttel. Hier soll der Strom aus dem Offshore-Windpark dann in das deutsche Hochspannungsnetz eingespeist werden. Bagger ziehen dabei einem 1,50 bis 1,80 Meter tiefen, trichterförmigen Graben, in dem das Hochspannungskabel dann unter der Erde verlegt wird.
Dieser Graben, der quer durch Dithmarschen verläuft, bietet den Archäologen eine einmalige Chance, die Geschichte Dithmarschens nachzuvollziehen und durch Funde zu belegen. Deshalb hatte sich die Firma Tennet bereits von Anfang an vertraglich verpflichtet, dass Archäologen die ausgehobene Erde nach historischen Funden absuchen und die Landschaftsentwicklung anhand der Grabenwände dokumentieren dürfen.
"Wir unterstützen die Arbeit der Archäologen mit einer hohen sechsstelligen Summe" berichtete der Tennet-Sprecher Alexander Greß auf einer Fachtagung im Albersdorfer Bürgerhaus. Hier zogen die beteiligten Archäologen eine erste Zwischenbilanz über ihre gewonnenen Erkenntnisse, obwohl die Auswertung der zahlreichen Proben noch lange Zeit in Anspruch nehmen wird und sich daraus weitere Erkenntnisse ergeben werden. Gastgeber war Dr. Rüdiger Kelm vom Albersdorfer Museum für Archäologie und Ökologie, der 2013 eine Sonderausstellung im Museum über das Projekt plant.
Helge Erlenkeuser und Dr. Ulf Ickerodt vom Archäologischem Landesamt berichteten von den gemachten Funden. Bei Büsum-Deichhausen wurde ein mittelalterlicher Deich gestreift, vom dem jetzt die Bauweise im Detail bekannt geworden ist.
Überraschend wurden im 1979 eingedeichten Speicherkoog nahe Nordermeldorf alte Siedlungsreste gefunden, ein Brunnen unter einer 1,20 Meter hohen Sedimentschicht. Hier haben also Menschen gewohnt, bevor eine große Flut das Land wegriss und alles bis zur Unkenntlichkeit überspülte. Die Sedimente, die Pflanzenreste und Pollen im Brunnen werden noch wichtige Grundlagen für die Landschaftsentwicklung und die Siedlungsgeschichte an unserer Küste ergeben.
In Elpersbüttlerdonn entdeckten die Archäologen Hakenpflugspuren, die auf eine sehr frühe Siedlung hindeuten. In der Jungsteinzeit wurde der Boden mit einfachen Geräten nur aufgebrochen und nicht umgepflügt, charakteristisch ist dabei, dass über Kreuz gepflügt wurde.
Bei Eddelak wurden Funde aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert geborgen. Keramikscherben, Hölzer und Knochen passen zu Funden, die im Heimatmuseum in Marne aufbewahrt werden. Sie deuten auf die erste Besiedlung der Marsch hin, dem Küstenstreifen, den die Nordsee durch Anspülungen zu dieser Zeit erstmalig für Menschen und Tiere begehbar machte. "Erste vorläufige Erkenntnisse zeigen (jedoch), dass es nicht die Nordsee war, deren Sedimente die alte Marsch bildete, sondern dass das Brackwasser das Ablagerungsmilieu bestimmte und auch dass es mittelalterliche Torfbildung gegeben haben muss", so Helge Erlenkeuser.

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